Axel Anklams Skulpturen faszinieren durch Klarheit und Kraft. Dynamik und schwebende Ruhe wechseln einander ab. Bevorzugt nutzt der Künstler transparente oder opake Materialien: Edelstahlnetze, Epoxyd, Latex. Schimmernde Oberflächen wachsen über geschmiedete Karkassen. Jeder Lichtwechsel, jede atmosphärische Änderung schafft einen neuen Ausdruck.

Axel Anklam wurde 1971 geboren. Er absolvierte eine Ausbildung zum Kunstschmied, erlangte den Meistertitel, arbeitete als Restaurator am Schloß Sanssouci und besuchte das Centro Europeo di Venezia. 1998 schrieb Anklam sich an der HfKD Burg Giebichenstein Halle ein. Er nahm ein Studium der Bildhauerei auf, das er 2004 an der UdK Berlin abschloß. 2006 zeichnete die UdK ihn mit ihrem Meisterschülerpreis aus. 2004 wurden Anklams erste Skulpturen im öffentlichen Raum aufgestellt – auf dem Hausvogteiplatz in Berlin und in Bangkok-Saraburi.

 

Venedig im Sommer 2005: Axel Anklam besucht die 51. Biennale di Venezia. Außer den Länderpavillons in den Giardini und an anderen Orten der Stadt werden seit 1999 auch Gebäude in den historischen Schiffswerften der Republik, dem Arsenal, bespielt. Dazu zählt insbesondere eine im 14. Jahrhundert errichtete, 300 Meter lange Lagerhalle, Le Corderie, die in diesem Jahr von den Kuratoren María de Corral und Rosa Martínez fast vollständig mit Videoprojektionen und Medien-Boxen gefüllt wurde. Der in Berlin lebende Bildhauer hat wenig Bezug zu dieser Kunstgattung, die heutigen Großausstellungen ihren Stempel aufdrückt und die sich bei der Betrachtung ’stiller’ Werke mit ihren Tonspuren störend aufdrängt. Mit raschen Schritten will er diesen Ausstellungsteil passieren, doch dann geschieht etwas Außergewöhnliches: Der Strom fällt aus! Gespenstische Ruhe und Besinnlichkeit verbreiten sich in den Sälen, in denen kurz zuvor noch die entkörperlichten Bilder unseres Medienzeitalters herrschten. Die Besucher stehen ratlos umher, zum Teil ärgerlich über das Verschwinden der Kunstwerke und über ihren scheinbar nutzlosen Aufenthalt in den leeren Räumen. Andere hingegen, und dazu gehört Axel Anklam, werden sich der Magie dieses Moments bewusst. In Abwesenheit der flimmernden Bilder zeigt sich zunächst die Schönheit und Klarheit der Renaissance-Architektur von Antonio Da Ponte. Und in einem weiteren Schritt entdecken sich die Betrachter plötzlich selbst, einerseits als Körper und zum anderen als Subjekt im Raum. Beide Erfahrungen, die Vermessung des Kontextes als auch die Selbstverwahrnehmung des Betrachters, werden von der Videokunst in der Regel ausgeblendet. Es ist eine optische Kunstform, die ihre größte Wirkung in schwarzen Kino-Kammern erzielt, in denen sich der Leib zum reinen Schauen aufhebt. Axel Anklam erfährt während des Stromausfalls eine Bestärkung der Prinzipien seiner eigenen Arbeit. Gegenüber Skulpturen ist der Betrachter nämlich ein mündiges Wesen, das aktiv am Dialog mit den Werken teilhat, um sie herumgehen, sie möglicherweise auch anfassen, sie mit dem ganzen Körper erleben kann. Und noch etwas Grundsätzliches an der Bildhauerei wird Anklam in diesem Moment vorgeführt: Skulpturen sind beständig. Sie verschwinden nicht einfach, wenn der Strom ausfällt oder ein Projektor defekt ist. Sie sind nicht abhängig von der Technik, sondern beruhen letztlich nur auf sich selber. Was bleibt, sind die Dinge. 

 

Marc Wellmann, 2008

„Borreaden“, Rauminstallation bei arte TV, Strassbourg, 2009, Edelstahl, 500x600x1000cm

Benannt nach Kalais und Zetes, den mythischen Zwillingssöhnen des harschen Nordwindes Boreas, erzeugen die über- und untergelagerten Edelstahlpläne dieser Arbeit, die eigens im Auftrag von ARTE TV, Strassbourg, angefertigt und installiert wurde, das ebenso trügerische wie verführerische Bild eines luftigen Wolkenbandes. Wie verwehende Schlieren in der Luft falten sich die einzelnen Stahlbahnen auf und stürzen wieder zusammen. Dabei wird die materialimmanente Schwere des Stahls in eine schwerelose Dynamik übersetzt, die die Gesetze der Physik ad absurdum zu führen scheint. Massive Dichte und Transparenz werden so zu Synonymen.

Anklam, 2011